Evangelische Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt

Aussen ev Kirche 1708

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Impuls zum Tag

Freitag, den 2. Juli 2020

Losung und Lehrtext

Deine Hände haben mich gemacht und bereitet; unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne. Psalm 119,73
Und das ist sein Gebot, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus und lieben uns untereinander. 1.Johannes 3,23

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser der Homepage,

eigentlich müsste statt dem Wort „Gebote" im 119. Psalm dort überall „Weisungen" stehen. Weisungen – so heißen in der hebräischen Bibel die Bücher, die wir die 5 Bücher Mose nennen. In ihnen sind die vielen Regeln zu finden, die den jüdischen Alltag strukturieren. In den streng orthodoxen Gemeinden des Judentums werden bis heute diese 5 Bücher schon von Kindern auswendig gelernt. Das ist eine staunenswerte Kulturleistung. Sie wurzelt in dem Gedanken, der in der heutigen Losung ausgesprochen wird: Der Mensch Israels ist durch die Hand Gottes gemacht und bereitet, um von ihm unterwiesen zu werden und seine Unterweisungen, seine Offenbarungen an Mose, zu lernen und zu verinnerlichen. Es ist diese Liebe zum Wort Gottes, die das Judentum prägt und besonders macht und zu einem nicht enden wollenden Gespräch über die Schrift geführt hat, deren eindrücklichste Niederschläge sich in Talmud und Midrasch finden, aber auch in ungezählten mystischen Schriften und einer bis heute anhaltenden Erforschung und Diskussion, die den Dialog Gottes mit Mose bis heute fortsetzt. Die Liebe zu Gott ist die innige Liebe zu seinem Wort und dem Gehorsam gegenüber diesem Wort. Daran mag uns, gerade in den ultraorthodoxen Lebensformen, vieles fremd und wie aus einer längst versunkenen Welt erscheinen. Das stimmt ja auch – der Ursprung dieser religiösen Kultur ist das osteuropäische Stedtl und ist durch den Holocaust und den zweiten Weltkrieg in Osteuropa zerstört worden und in Israel, New York, Amsterdam, Berlin und an vielen anderen Orten wieder auferstanden. Es waren Deutsche, die diese religiöse Kultur vernichtet und die Menschen ermordet haben. Die Kinder Israels, Kinder der ersten Liebe Gottes, die immer seine erste Liebe bleiben werden.
Der Lehrtext steht in hartem Kontrast zur Losung. Er ist eine Abgrenzung der ersten Christen von ihren jüdischen Wurzeln. Eine, die in den Anfängen vielleicht notwendig war, die aber auch zu viel Unheil im Geschwisterstreit geführt hat. An die Stelle der vielen Weisungen und Gebote rückt jetzt nur noch ein Gebot: Der Glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, an seinen Namen. Der Name steht für alles: Für sein Leben, seine Verkündigung, sein Sterben und seine Auferstehung. Sein Name macht Gott auf ganz neue Art begreifbar, fokussiert alle Weisungen auf die eine Weisung: Dass wir uns untereinander lieben. Wenn dieses „wir" auf die christliche Gemeinde begrenzt wird, ist es gegenüber Jesu Botschaft und Leben schon wieder eine Engführung. Das war ja das Neue, das Provozierende, das Herausfordernde seiner Gedankenwelt, das er den engen Rahmen für die Liebe untereinander ausweitete, über Familie, Sippe, Stamm, Religionsgemeinschaft und Nation hinaus und mit der Feindesliebe universell machte. In einer Zeit und in einer Krise, in der die Rückkehr zu „Wir aber zuerst" wieder überall zu hören ist – bei Impfstoffen, Medikamenten, Schutzausrüstung, Finanzhilfen – ist es unser Auftrag als Christen, die Botschaft Jesu in Erinnerung zu bringen: Wir sind Geschwister des einen Gottes und er will, dass alle genug zum Leben haben.

Seien Sie Gott befohlen – bleiben sie behütet,
ob sie gesund bleiben oder erkranken!
Ihr Pfarrer Andreas Friede-Majewski